Die Großen und ihre Cloud-Strategien

Der Maschinenbau freundet sich zunehmend mit der Cloud-Thematik an. Parallel nehmen die Cloud-Angebote der einzelnen Hersteller immer ­konkretere Formen an. Doch welcher Strategie folgen die Großen, wie ABB, Bosch, GE oder Siemens, mit ihren Cloud-Angeboten? Eine ­Bestandsaufnahme.

 

 

(Quelle: Elnur Amikishiyev - fotolia.de)

 

Laut dem aktuellen VDMA-IT-Report haben sich Cloud-Lösungen im Maschinenbau – nach anfänglich verhaltener Einsatzbereitschaft – einen festen Platz in der IT-Landschaft erobert. Als Gründe für die höhere Akzeptanz werden das umfangreichere Angebot am Markt, verbesserte technische Voraussetzungen und der gestiegene Bedarf nach „schnell“ einsatzfähigen Lösungen genannt. Laut VDMA messen diesem Thema mittlerweile mehr als 80 % der befragten Maschinenbauer eine Bedeutung für das Unternehmen bei. Für die Hälfte der Unternehmen haben Cloud-Lösungen sogar eine mittlere bis sehr hohe Bedeutung. „Private Clouds“ liegen gegenüber den „Public Clouds“ vorn. Und auch für die nächsten zwei Jahre wird mit einem weiteren Anstieg bei der Nutzung von Cloud-Lösungen gerechnet.

Bei Big Data (Analytics) hingegen stehen die Unternehmen noch am Anfang. Für jedes zweite Maschinenbauunternehmen hat das Thema allerdings heute schon eine mittlere bis sehr hohe Bedeutung. Auch die ersten Anwendungen sind im Einsatz. Insgesamt 16 % der befragten Maschinenbauer verwenden entsprechende Lösungen. Der heute vergleichsweise noch geringe Anwendungsanteil soll laut VDMA in den kommenden zwei Jahren deutlich ansteigen. Rund ein Viertel der Befragten plant bis 2018 entsprechende Einführungen.

Cloud for Industry

Die großen Anbieter von Automatisierungstechnik arbeiten schon seit Längerem an ihren Cloud-Strategien. Dabei sind sie unterschiedlich weit, was den Grad der Umsetzung bzw. das dazugehörige Angebotsspektrum anbelangt.

Siemens beispielsweise präsentierte seine Cloud for Industry, die Technologien der SAP Hana Cloud Platform nutzt, erstmals im März 2015. Nach einer erfolgreichen Pilotphase wurde das Beta-Release dann im März dieses Jahres unter dem Namen Mind­sphere verfügbar gemacht. Die Industrie-Cloud stellt eine offene und sichere Plattform mit analytischen Apps und einer standardisierten Geräteanbindung dar. Dadurch haben Kunden die Möglichkeit, neue Geschäftsmodelle aufzubauen und das Potenzial von Industrie­daten monetär zu nutzen. Dementsprechend gibt es ­Application Spaces innerhalb der Mindsphere, unter anderem für OEM, End User und Third Parties. Dabei steht der OEM Application Space Maschinenbauern mit der Möglichkeit der Nutzung seiner eigenen Apps und Data Analytics zur Verfügung. Gleiches gilt für End User und Third Parties. Und auch Siemens selbst will cloud-basierte Applikationen anbieten. Dabei steht es jeder Nutzergruppe frei, Apps, Services usw. untereinander auszutauschen.

Zum herstellerunabhängigen Anschluss von Maschinen und Anlagen an Mindsphere bietet Siemens die Mindconnect Nano an. Weitere Anbindungsmöglichkeiten sollen folgen, zum Beispiel per Software Development Kit, Software Agent oder Integration in Simatic.

Das Mindsphere-Angebot – hier mit Bezug zum Siemens-Angebot im Werkzeugmaschinenbereich

 

Anfang Oktober kündigte Atos nun gebrauchsfertige Anwendungen sowie alle Integrations-, Infrastruktur- und Security-Services an, die zur Entwicklung von kundenspezifischen Mindsphere-Applikationen erforderlich sind. (Hintergrundinfo: Siemens und Atos arbeiten seit 2011 eng zusammen. Zu diesem Zeitpunkt übernahm das französische Unternehmen Atos die ­IT-Sparte von Siemens, die bis August 2011 den Namen „Siemens IT Solutions and Services GmbH“ trug. Seit dieser Transaktion hält Siemens einen Anteil von 15 % an Atos und ist gleichzeitig dessen größter Kunde.) Atos will Mind­sphere-Kunden nun eine strukturierte Herangehensweise bieten, von schnell umgesetzten Services für erste Ergebnisse hin zu einsatzbereiten Mindsphere-Anwendungen. Dabei umfasst das Leistungsspek­trum konkret Use Case Evaluation Workshops, Use Case Prototype, Use Case Integration und Application Development. Ziel ist es, den Einsatz von Prototypen, die Validierung und den Einsatz von Mind­sphere-Anwendungen durch automatisierte und vordefinierte Use Cases zu beschleunigen.

Außerdem kündigte Accenture eine Reihe von Applikationen für die Siemens-Cloud an. Mit diesen sollen Industrieausrüster von neuen datenbasierten Services profitieren. So erhalten OEM über die Apps einen aktuellen und kontinuierlichen Einblick in ihre Maschinen und Anlagen. OEM können mit dem Analytics-Angebot von Accenture Produktionsengpässe erkennen und verhindern. Zudem lassen sich faktenbasierte Entscheidungen treffen, um den Betrieb, den Einsatz von Mitarbeitern, die Zulieferprozesse und das Produktdesign zu optimieren.

Die vernetze Welt verwirklichen

… möchte Bosch mit seiner ebenfalls im März dieses Jahres vorgestellten Bosch IoT Cloud. „Wir bieten ab sofort alle Trümpfe für die vernetzte Welt aus einer Hand. Die Bosch IoT Cloud ist das letzte Puzzleteil in unserer Softwarekompetenz. Wir sind jetzt ein Full-Service-Provider für Vernetzung und das ­Internet der Dinge“, sagte Bosch-Chef Dr. Volkmar Denner auf der IoT-Konferenz Bosch Connected World in Berlin. In der Bosch IoT Cloud betreibt das Unternehmen unterschiedliche Anwendungen aus den Bereichen vernetzte Mobilität, vernetzte Industrie und vernetztes Gebäude. „Bosch ist weltweit das einzige Unternehmen, das auf allen drei Ebenen des Internets der Dinge aktiv ist“, hieß es von Unternehmensseite. Erster Cloud-Standort ist übrigens Deutschland. Die Bosch IoT Cloud besteht aus technischer Infrastruktur sowie Plattform- und Softwareangeboten. Zunächst kommt sie für eigene Lösungen des Technik- und Dienstleistungsunternehmens zum Einsatz. Zentraler Softwarekern der Cloud ist die unternehmenseigene Bosch IoT Suite. Sie identifiziert internetfähige Dinge, orchestriert ihren Datenaustausch und ermöglicht eine Vielzahl an Services und Geschäftsmodellen. Big Data Management ermöglicht die Analyse großer Datenmengen. „Mehr als fünf Millionen Geräte und Maschinen sind über die Bosch IoT Suite schon vernetzt“, gibt das Unternehmen an. Ab 2017 soll sie auch anderen Unternehmen als Service zur Verfügung stehen.

Bosch gibt an, schon zahlreiche Produkte und Lösungen für die vernetzte Welt auf den Markt gebracht zu haben. So läuft in der Cloud beispielsweise eine Lösung für Heizungsinstallateure. Diese können aus der Ferne auf dafür freigegebene Heizungen von Bosch zugreifen, um im Fall einer Störung Aufschluss über Fehlerursachen zu bekommen. Die Cloud verarbeitet auch Sensordaten aus Spargelfeldern. Landwirte können mit dem Wissen um die genaue Bodentemperatur Ernte und Ertrag verbessern.

Die Bosch IoT Cloud umfasst drei Schichten: IaaS, PaaS und SaaS

 

Die Bosch IoT Cloud umfasst – wie die meisten Cloud-Infrastrukturen – drei Schichten:

  • Infrastruktur (Infrastructure as a Service, IaaS): Diese Schicht bildet die technische Grundlage für die IoT-Anwendungen und stellt die notwendigen Ressourcen für die Nutzung der darüber liegenden Plattform- und Anwendungsschichten bereit.
  • Plattform (Platform as a Service, PaaS): Diese Schicht enthält die Cloud Services der Bosch IoT Suite, die speziell auf die gängigsten Anforderungen von IoT-Szenarien zugeschnitten sind. Zusätzlich können Basisdienste, wie Datenbank-, Laufzeiten-, E-Mail-Dienste und vieles mehr, direkt genutzt werden. Mit dem PaaS erhalten Entwickler das Werkzeug, um skalierbare Cloud-Anwendungen zu entwickeln.
  • Software as a Service (SaaS): Diese Schicht umfasst ein breit gefächertes Angebot an IoT-Lösungen für Kunden. Durch die Cloud-Architektur dieser Lösungen müssen sich Kunden weder um die technische Infrastruktur noch – in den meisten Fällen – um die Installation und Aktualisierung von Anwendungen kümmern.

Die Bosch IoT Cloud wird im eigenen Rechenzentrum bei Stuttgart gehostet. Zusätzliche Cloud-Standorte in den USA und in Singapur sind geplant.

Cloud Platform for the Industrial Internet

Unter der Headline „The World‘s First Cloud Service Built for Indus­trial Data and Analytics“ stellte GE im August 2015 seine Predix Cloud vor. Die Migration der eigenen Software und Analytics in die Cloud wurde für Q4/2015 angekündigt. Anlässlich des Industrie 4.0 und Industrial Internet Summit in München präsentierte GE Intelligent Platforms dann neue und erweiterte Cloud-Dienste für Industriekunden. Seit dem vermarktet GE Predix als Cloud speziell für industrielle Daten und Analysen. Als Tool zur Effizienzüberwachung einer Produktionsanlage dient die „Brilliant ­Manufacturing Suite“. Diese Fertigungslösung erlaubt es, alle Prozessschritte innerhalb des gesamten Produktionsprozesses zu verbinden. Daten aus Entwicklung, Konstruktion, Fertigung, von Zulieferern sowie von Service und Vertrieb fließen zusammen und können im Kontext betrachtet und analysiert werden. GE hatte die Lösung zuvor in eigenen Fabriken getestet und stellt sie seit Oktober 2015 auch Kunden bereit.

Zur Datenanalyse wird ein Paket an Softwarelösungen und Serviceleistungen angeboten: Asset Performance Management (APM). Basierend auf der Analyse der Daten ermöglicht es, ungeplante Stillstände zu reduzieren, die Anlagenverfügbarkeit- und Zuverlässigkeit zu verbessern und die Gesamtbetriebskosten sowie operationelle Risiken zu vermindern. Die APM-Lösungen sind anlagen- und indus­trieübergreifend einsetzbar. Die Anwendung kann sowohl vor Ort installiert werden als auch als „Predix powered“-Cloud-basierte Lösung verwendet werden. GE gibt an, mit seinen Lösungen das gesamte Anforderungsspektrum einer APM-Anwendung abzudecken: Machine & Equipment Health, Reliability Management und Maintenance Optimization.

Eine Cloud von GE wurde speziell für industrielle Daten und Analysen geschaffen

 

GE und Bosch bündeln Kompetenzen

Im September dieses Jahres haben GE und Bosch dann ihre strategische Kooperation für das Internet der Dinge bekannt gegeben. Ziel der Partnerschaft zwischen den Softwareeinheiten GE Digital und Bosch Software Innovations ist es,  gemeinsam die vernetzte Industrie weiter voranbringen. Neben der technologischen Interoperabilität beinhaltet die Vereinbarung auch die Plattformintegration des GE Predix Operating Systems und der Bosch IoT Suite. Die Partner beabsichtigen, sich ergänzende Software-Services auf den jeweiligen Cloud-Plattformen beider Unternehmen einem größeren Nutzerkreis verfügbar zu machen. Kunden der Plattformen steht so eine größere Vielfalt integrierter Cloud-Technologien für ihre IoT-Anwendungen offen.

Darüber hinaus beabsichtigen beide Unternehmen, eine auf Open-Source-Software basierende IoT-Basistechnologie zu entwickeln, auf der IoT-Plattformen aufgebaut werden können. Durch ein gemeinsames Ökosystem soll diese Basistechnologie noch weiter ausgebaut werden. Dazu arbeitet man mit der  Eclipse Foundation zusammen, einer globalen Open-Source-Community, in der beide Unternehmen Mitglieder sind. Dabei findet eine intensive Zusammenarbeit in den Projekten statt, die sich auf die Geräteanbindung fokussieren: Eclipse Hono, Eclipse Vorto, Eclipse Leshan, Eclipse ACS (Access Control Service) sowie das durch GE getriebene UAA (User Account and ­Authentication). In jeder IoT-Anwendung werden Geräte und Maschinen an ein Backend angeschlossen, in dem Daten und Gerätefunktionalität aggregiert werden. Daraus sollen dann Mehrwertdienste für Nutzer entstehen. So wird erwartet, dass durch den Beitrag vieler IoT-Softwareentwickler in der Eclipse Community offene Tools und Standards geschaffen werden, von denen weitere Unternehmen für ihre eigenen IoT-Anwendungen profitieren.

Eine der größten Cloud-Plattformen

... will ABB in Zusammenarbeit mit Microsoft erschaffen. Die beiden Unternehmen arbeiten seit einigen Jahren zusammen. Anfang Oktober wurde nun die Vertiefung der strategischen Partnerschaft bekannt gegeben. Mit dieser will ABB Indus­triekunden darin unterstützen, mit digitalen Lösungen neuen Wert zu schaffen. „Kunden werden künftig von der einzigartigen Kombination aus Microsofts intelligenter Cloud Azure sowie ABBs umfassender Expertise und breitem Portfolio an Industrielösungen profitieren“, heißt es in einer Pressemeldung zum Thema. Dabei will ABB seine Plattform auf Azure standardisieren. Zudem sollen Azure-Services, wie die „Azure IoT Suite“ und die „Cortana Intelligence Suite“ genutzt werden, um das Potenzial von Daten und Informationen, die auf Gerät-, System-, Unternehmens- und Cloud-Ebene gesammelt werden, voll auszuschöpfen.

„Zusammen mit ABB bieten wir Industriekunden eine Digitaltechnologie und Cloud-Plattform an, mit der Einzelpersonen und Teams bis hin zu ganzen Geschäftssystemen auf Basis von Daten und Informa­tionen schnellere Entscheidungen treffen können, um Wachstum zu schaffen und neue Chancen zu ergreifen,“ sagt Satya Nadella, CEO von Microsoft.

„Die Partnerschaft bündelt die Stärken von Microsoft und ABB und wird unseren Kunden in der Energieversorgung, der Industrie und im Transport- und Infrastruktursektor einzigartige Vorteile bieten“, sagt Ulrich Spiesshofer, CEO von ABB. „Basierend auf unserer installierten Basis mit mehr als 70 Millionen angeschlossenen Geräten und mehr als 70.000 digitalen Kontrollsystemen werden wir eine der weltweit größten industriellen Cloud-Plattformen aufbauen.“

ABBs integrierte Cloud-Plattform soll ein wesentlicher Treiber für ABB Ability sein und ein großes, offenes, digitales, industrielles Ökosystem für Kunden, Partner, Lieferanten und Entwickler schaffen.

Autor: Inge Hübner

 

www.abb.com/de

www.bosch-si.com

www.siemens.com

www.sw.vdma.org

www.ge.com/digital/predix

 

 

 

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