MES als Cloud-basierte ­Anwendung

Zur Hannover Messe 2016 hat Gefasoft ihr Lösungsportfolio um eine Cloud-basierte MES-Lösung erweitert. Sie bringt vielfältige Möglichkeiten mit, wie die ­Unterstützung von mobilen Endgeräten, ein flexibles Dashboard-Konzept sowie die Nutzung als Cloud-basierte Anwendung („SaaS“). Über die Details informiert Geschäftsführer Franz Fuchs im Gespräch.

Franz Fuchs ist Gründer und Geschäftsführer der Gefasoft GmbH in München (Bild: Gefasoft)

Herr Fuchs, bitte erläutern Sie zunächst, welche Rolle Manufacturing Execution Systems (MES) aus Ihrer Sicht beim Thema Industrie 4.0 heute spielen bzw. zukünftig spielen werden.

F. Fuchs: Das MES ist Dreh- und Angelpunkt jedes Industrie-4.0-Projekts. Dies ergibt sich aus der „natürlichen“ Nähe zum Shop Floor und der Fähigkeit des MES, online Daten mit den Steuerungssystemen der Produktion auszutauschen.

Es wird ja nun schon seit Jahren darüber diskutiert, ob nicht ERP-Systeme MES-Funktionen (mit-) übernehmen können bzw. übernehmen sollen. Fakt ist, dass einige Funktionen, wie Auftragsplanung/APS, erfolgreich in ERP-Systemen umgesetzt wurden und deshalb im MES nicht mehr zwingend erforderlich sind. Aber eines ist nach meiner Auffassung auch klar geworden: Die Möglichkeit der flexiblen Maschinenanbindung mit unterschiedlichen Technologien und Schnittstellen ist und bleibt eine Kernkompetenz des MES. Versuche, ERP-Systeme großflächig an und in den Shop Floor zu bringen, sind bisher nicht sehr erfolgreich gewesen.

Zur Hannover Messe haben Sie eine neue MES-Lösung vorgestellt: Legato Sapient. Bitte nennen Sie die Hintergründe für diese Entwicklung.

F. Fuchs: Jede Software ist einem natürlichen Alterungsprozess unterworfen, der nur eingeschränkt durch „Redesigns“ und „Facelifts“ aufgehalten werden kann. Deshalb war für uns klar, dass wir – nach mehr als zehn Jahren Entwicklung – echte Innovation nur in Verbindung mit einer neuen und zeitgemäßen Softwarearchitektur erreichen.

Unser Lastenheft wurde dabei besonders von folgenden Anforderungen geprägt: Unterstützung von mobilen Geräten (Smart Devices), visuelle Ergonomie durch ein fle­xib­les Dashboard-Konzept, interaktive Analyse und Reporting als integrale Funktionen des Frameworks, Einbindung externer Daten mit ­Repositories (Beschreibung der ­Datenquellen) und Daten-Abstraktionsschicht, Möglichkeit für „Open Innovation“ durch ausführlich dokumentiertes API und nicht zuletzt wichtige Anpassungen der Architektur für Anwendungen in der Cloud. Zu diesen Anpassungen gehören unter anderem eine neue Datenbasis „PostgreSQL“ sowie ein geändertes Konzept für die Datenerfassung und Übertragung in die Cloud.

Die neue Architektur des MES Legato Sapient unterstützt sowohl mobile Anwendungen als auch einen servicebasierten Einsatz („SaaS“)

Sie vermarkten Ihre neue Lösung als Cloud-basiertes MES. Bitte erläutern Sie diesen Begriff genauer.

F. Fuchs: Legato Sapient wurde schon durch die gewählte Architektur für eine Nutzung in der Cloud ausgelegt. Der Kunde entscheidet, ob er die Serversysteme im eigenen Haus betreiben möchte (Pri­vate Cloud), oder ob die gesamte Lösung extern gehostet wird („SaaS“-Lösung). In beiden Fällen werden die Steuerungssysteme im Shop Floor über ein flexibles Gateway, den Legato Cloud Connector, angebunden.

Auch die gewählte HTML5-Architektur und die konsequente Umsetzung eines Responsive Designs für das Benutzerinterface unterstützen die Nutzung als Software-as-a-Service-Lösung. Dashboards, Analysen und Reports stehen unabhängig vom Ort und vom genutzten Ausgabegerät zur Verfügung, zum Beispiel auch im Homeoffice. Anwender, die es gewohnt sind, ihre tägliche Arbeit mit Smartphones, Smart Watches oder Tablets zu erledigen, können nun ohne Systembruch auch den Status der Produktion im Auge behalten.

Das einfache Dashboard mit Navigationsbereich im grafischen Layout

Arbeiten Sie mit einem bestimmten Cloud-Anbieter zusammen? Wer haftet für die Daten?

F. Fuchs: Wir haben eine Markt­recherche bezüglich möglicher „IaaS“-Provider (Infrastructure as a Service, also die benötigten Serverplattformen einschließlich Betriebssystemen) mit Sitz in Deutschland durchgeführt. Zurzeit sind wir dabei, einzelne Anbieter praktisch zu evaluieren. Generell kann man sagen, dass dieser Markt schnell wächst und hier sinkende Preise für hochprofessionelle Rechenzentrums-Leistungen zu erwarten sind.

Eine Haftung bei Datenverlust wird in den Verträgen der „IaaS/SaaS“-Provider in der Regel ausgeschlossen. Ich gehe aber davon aus, dass die Datensicherheit in einem professionell betriebenen Rechenzentrum gleich gut oder sogar höher sein wird als in den meisten „eigenen“ Rechenzentren der Endkunden. Ein von uns evaluierter „IaaS“-Provider garantiert zum Beispiel folgende Aspekte:
Schutz vor Datenverlust (Daten­sicherung auf von den Lifesystemen getrennten Systemen),
Schutz vor Verlust oder Beschädigung der Daten durch Brand, Wasser, Diebstahl etc. (Datensicherungskopien außer Haus an einem 2. Standort in 10 km Entfernung), Zugriffsschutz (gesicherter und überwachter Datenzugriff), Sicherstellung der Datenintegrität (Verfolgung von Datenänderungen möglich), Verfügbarkeit der Daten (schnelle Wiederherstellung einer kompletten virtuellen Maschine im zuletzt gesicherten Stand) und automatische Datenlöschung nach Ablauf der vorgegebenen Aufbewahrungsfristen und im Falle einer Vertragskündigung.

Sie hatten zuvor bereits auf Ihr Gateway hingewiesen, das als Schnittstelle zwischen Shop Floor und Ihrem MES dient. Handelt es sich hierbei um eine Eigenentwicklung?

F. Fuchs: Unser „Cloud-Connector“ ist eine Weiterentwicklung unseres bewährten Legato-„Datenbank-Gateways“ und eine Eigenentwicklung. Bewährte Komponenten, wie die integrierte Script-Engine und verschiedene Konnektoren für Schnittstellen zur Steuerungsebene, wurden weitgehend übernommen. Die Verbindung zum Server bzw. zur Cloud wurde grundlegend neu konzipiert. Anstelle der bisherigen Datenbankschnittstelle ODBC oder OCI wird nun eine servicebasierte Schnittstelle auf Basis von JSON-RPC (Java Script Object Notation Remote Procedure Call) eingesetzt.

Nachdem JSON-RPC ein weitverbreiteter und offener Standard ist, sind prinzipiell auch andere Gateway-Konzepte, beispielsweise von Drittanbietern oder Eigenentwicklungen des Kunden, denkbar.  
Wie unterscheidet sich Ihre neue Softwarelösung von Ihrer etablierten MES-Lösung Legato? Soll sie diese zukünftig ablösen?

F. Fuchs: Bei Legato Sapient handelt es sich um ein funktional weiterentwickeltes Nachfolgeprodukt auf Basis einer vollständig neuen Architektur. Ein echtes Highlight ist das im Framework integrierte Reporting in Kombination mit einem BI-Ansatz. Außerdem sieht die Roadmap funktionale Erweiterungen der MES-Kernfunktionen (Ressourcenmanagement, Arbeitsplan, Bestandsführung) bis 2018 vor.

Wir planen, Neukundenprojekte ab Ende 2016 auch mit dem neuen Produkt umzusetzen. Die Migration von bestehenden Kundensystemen ist nicht zwingend erforderlich, da wir die Wartung der bestehenden Systeme selbstverständlich weiter garantieren. Vielmehr entscheidet der Kunde im Zuge seiner internen Projektplanung, ob und wann eine Migration sinnvoll ist. Unsere Empfehlung für größere Bestandsapplikationen ist eine sanfte Migration, das heißt, wenn neue Systemfunk­tionen eingeführt werden, wie TPM und Predictive Maintenance, erfolgt dies im Rahmen einer Neuinstalla­tion mit Legato Sapient. Danach können die bestehenden Systemfunktionen nach und nach in diese neue Applikation migriert werden und die einzelnen User-Gruppen können nach gezieltem Training schnell auf das neue System umsteigen.

Welche Zielgruppe und welche Einsatzbereiche adressieren Sie mit der neuen Lösung?

F. Fuchs: Mit Legato „Classic“ wurden bisher vor allem Projekte mit den Schwerpunkten Production Monitoring (KPI, Visualisierung, MDE/BDE, Tracking & Tracing) und Instandhaltung (Störmanagement, TPM, KVP, Schichtbuch) adressiert. Die Einsatzszenarien für Legato Sapient werden in den nächsten Jahren durch die funktionalen Erweiterungen in verschiedenen MES-Kernfunktionen noch deutlich erweitert.

Auch die Zielgruppe der Kunden erweitert sich aus meiner Sicht deutlich. Durch die Vermarktung in Form einer Mietlösung bzw. als „SaaS“-Lösung sinkt das Budget für die initiale Investition in die In­frastruktur. Mit zunehmender Standardisierung und Vereinfachung in der Projektierung sinken zudem die Engineering-Kosten zur System­einführung. Beide Aspekte führen zu deutlich sinkenden Projektkosten. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass neben den heute vorwiegend vorhandenen Großkunden in Zukunft auch verstärkt kleine und mittelständische Unternehmen das System einsetzen werden.

Können Sie bereits über erste Erfahrungen bei einem Pilotkunden oder Ähnlichem berichten?

F. Fuchs: In den laufenden Pilotprojekten wurden bisher vor allem das neue User Interface auf Basis von „Boardlets“ – das sind Widgets im Framework von Legato Sapient – und Dashboards pilotiert und präsentiert. Die Kundenreaktionen ­waren durchweg positiv. Besonders die stark verbesserte Usability, die Möglichkeit der mobilen Nutzung und der Aspekt, Ansichten und ­Reports individuell, einfach und schnell dem Tagesgeschäft anpassen zu können, haben unsere Pilotanwender überzeugt.

www.gefasoft-muenchen.de

 

 

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