Mobility 4.0 bis in den Ex-Bereich

Im Zuge der Digitalisierung halten Mobile Devices immer weiter Einzug in die Fertigung. Große Potenziale sieht Bartec dafür auch im Prozessbereich. Vor zwei Jahren haben die Ex-Spezialisten deshalb begonnen, einen eigenen dahin gehenden Produktbereich aufzubauen. Heute wird unter dem Begriff „Enterprise Mobility“ ein ganzes Sortiment an Tablet-PC, Kameras und Smartphones zusammengefasst. Im Interview erläutert Nader Halmuschi, Managing Director Automation & Communication Systems, die Strategie dahinter.

Nader Halmuschi ist Managing Director Automation & Communication Systems bei Bartec in Bad Mergentheim

Herr Halmuschi, vor rund drei Jahren hat Bartec den Kommunikationsspezialisten Pixavi übernommen. 2014 wurde dann das erste aus dieser Akquisition hervorgegangene Produkt präsentiert: Ein Smartphone für Zone 1. Eingebettet in die Kampagne „Bartec goes mobile“ fand die Markteinführung statt. Weitere Mobile-Produkte folgten. Heute bündeln Sie Ihre dahin gehenden Aktivitäten unter dem allgemeinen Begriff „Enterprise Mobility“. Bitte geben Sie einen kurzen Überblick über Ihr aktuelles Mobi­lity-Sortiment.

N. Halmuschi: Das Portfolio ist in der Tat unter „Bartec goes mobile“ extrem gewachsen. Nur entspricht der Slogan heute nicht mehr ganz den Fakten. „Bartec is mobile“ würde es eher treffen. Aber die Lösungen für unsere Kunden liegen uns mehr am Herzen als der Name der Kampagne.

Bartec kann in Sachen Enterprise Mobility auf eine lange Tradition zurückblicken. Und: Es ist der am schnellsten wachsende Bereich innerhalb unseres Segments Automatisierung und Kommunikation. Das Spektrum umfasst Mobile Computer, Tablet-PC, Kamerasysteme und Smartphones – vom Weltmarktführer im Explosionsschutz. Wir können von sehr robusten Nicht-Ex-Versionen für den Industrieeinsatz bis hin zur Zone 1 alle Anforderungen abdecken. Dass wir über alle notwendigen internationalen Zulassungen verfügen, versteht sich von selbst. Wir haben Smartphones mit einer Bildschirmgröße von 4 Zoll bis hin zu Tablet-PC mit 10 Zoll im Portfolio.

Wir sprechen aber bitte nicht nur von Geräten, denn wir haben es immer geschafft, diese Mobile Devices als Komplettsysteme anzubieten. Damit unsere Kunden aus diesem doch sehr breiten Angebot einfach, schnell und sicher die richtige Lösung für sich auswählen können, haben wir einen speziellen Konfigurator entwickelt.

Das Enterprise-Mobility-Sortiment von Bartec reicht vom Smartphone über Tablet-PC bis hin zur Helmkamera

Welchen Nutzen können Kunden aus Ihren ­Mobility-Lösungen ziehen?

N. Halmuschi: Consumer-Geräte haben die Art und Weise, wie wir kommunizieren, revolutioniert. Dank unserer zertifizierten Geräte und Systeme lassen sich Smart­phones und Tablet-PC nun auch nutzbringend in explo­sions­ge­fähr­deten Bereichen einsetzen.

Mit unseren Mobile Devices haben unsere ­Kunden ständigen Zugriff auf das „Wissen der ganzen Welt“ und können ihr Büro in den Ex-Bereich mitnehmen. Für mobile Arbeiter wird es immer wichtiger, direkt im Feld auf firmeninterne Daten und Systeme zuzugreifen. So erhalten sie zum Beispiel alle aktuellen Leistungsdaten der Anlagen in Echtzeit. Optimierungspotenziale lassen sich mehr oder weniger im Vorbeigehen identifizieren. Im Fall eines Falles ermöglichen es mobile Services dem Personal, mit wenigen Klicks Defekte aufzuspüren. Um es kurz zu machen: Mobile Devices erhöhen die Anlageneffizienz, steigern die Produktivität und tragen dazu bei, ungeplante Stillstände zu minimieren.
Durch smarte Erweiterungen, speziell beim Tablet-PC Agile X, wie dem RFID-Tag-Reader oder dem Hart-Add-on-Modul, verwandeln sich die Systeme in Engineering- und Kalibriermultiwerkzeuge und machen sich zum unverzichtbaren Begleiter.

Auch Themen, wie Arbeitsschutz und Augmented Reality, werden durch Mobile Devices in den nächsten Jahren an Fahrt aufnehmen.

Enterprise Mobility ist ein Schlagwort, das nicht unmittelbar der Prozessindustrie zugeordnet wird. Welche Bedeutung und Akzeptanz kommen dem Thema in der Prozessindustrie und dort speziell im Ex-Bereich zu?

N. Halmuschi: Ich denke, das wird unterschätzt. Natürlich wurde Enterprise Mobility nicht von der Prozessindustrie erfunden. Aber Mobile Devices haben für die Branche einen unschätzbaren Wert. Nur ein kurzes Beispiel: Viele Prozessverantwortliche mussten in der Vergangenheit ständig zwischen Büro und Anlage pendeln, um Details zu klären oder Formulare auszufüllen und, und, und. Ein sehr zeitaufwendiges, aber notwendiges Prozedere, da sich der Mitarbeiter in einer chemischen Anlage zwangsläufig einmal im sicheren Bereich und einmal im Ex-Bereich bewegt. In die explosionsgefährdeten Bereiche darf er selbstverständlich keine konventionellen Mobilgeräte mitnehmen. Dank unserer Smartphones und/oder Tablet-PC hat das Personal heute sein verlängertes Büro immer dabei. Die Mobile Devices in Ex-Ausführung erlauben es ihm, alle wie auch immer klassifizierten Zonen zu betreten, ohne einen Gedanken an die bestehenden Explosionsschutzauflagen zu verschwenden. Dies ist zweifellos auch etwas, das Auditoren das Leben enorm erleichtert. Durch Mobile Devices spart die Prozessindustrie nicht nur Zeit und damit Geld, sondern gewinnt enorm an Flexibilität in ihren Produktionsprozessen.

Bei Einführung wurde die „Bartec goes mobile“-Kampagne kritisch beäugt und nicht jeder war von deren Erfolg überzeugt. Wie hat sich das Thema bislang entwickelt – in welchen Ländern und Applikationen am erfolgreichsten?

N. Halmuschi: Bei unserer Kampagne geht es nicht nur darum, unser Portfolio zu adressieren, sondern um einen strategischen Schachzug. Dieser hatte das Ziel, zusammen mit starken Partnern aus der Softwareindustrie maßgeschneiderte Komplettlösungen anbieten zu können, die die Anlagenbetreiber effizient unterstützen. Das ist uns auch gelungen. Wir haben viel gelernt und vieles erreicht. Inzwischen liefern wir wichtigen Schlüsselkunden Systemlösungen inklusive weltweitem Support.
Unsere Markterwartung außerhalb von Europa wurde erfüllt und teilweise sogar übertroffen. Der Mittlere Osten hat sich ebenfalls sehr gut entwickelt mit Kunden, die ein Gesamtkonzept von der notwendigen Infrastruktur bis hin zu partnerschaftlichen Hard-/Softwarelösungen mit den Systemintegratoren umgesetzt haben. Dabei war die Ölpreisdebatte für uns ein maßgeblicher Impulsgeber. Stichwort: Prozessoptimierung und Kosteneinsparung.

Der Industrie-4.0-Hype hat die Fertigungsindustrie schon vor einigen Jahren erreicht. Nun scheint er auch immer weiter in die Prozessindustrie vorzudringen. Begriffe, wie Prozess­industrie 4.0 und Ex 4.0, belegen dies. Wie positioniert sich Bartec zu diesem Thema im Allgemeinen und welche Rolle spielt „Enterprise ­Mobility“ in diesem Zusammenhang?

N. Halmuschi: Diese angeblichen „Revolutionen“ sind aus meiner Sicht eher Teil des Ganzen. Hier möchte ich bescheiden sein: Es steht außer Frage, dass das Thema Ex in der Prozessindustrie eine echte Nische ist. Und ganz unbescheiden: Niemand kann Bartec das Wasser reichen, wenn es darum geht, den Ex-Bereich mit der großen weiten Welt der Automatisierung und der modernen IT zu verbinden. Wir haben mehr als 40 Jahre Erfahrung im Explosionsschutz und verfügen über ein weltweites Wissensnetzwerk. Dabei profitieren wir auch vom Know-how unserer norwegischen Kommunikationsspezialisten Bartec Pixavi. Es kommt nicht von ungefähr, dass wir die Nummer eins im Explosionsschutz sind.

Zur SPS IPC Drives werden Sie Ihr Mobile-Sortiment um eine Weltneuheit – ein Tablet-PC für Zone 1 – ergänzen. Bitte nennen Sie einige Details rund um das Gerät. Ist Ihr Mobility-Angebot damit abgerundet, oder wo gibt es dann noch Lücken?

N. Halmuschi: Bis zur Marktreife des Agile X IS (Bild) mussten wir einige Herausforderungen meistern und zum Teil physikalische Grenzen überwinden. Wir sind sehr stolz auf das Ergebnis. Es handelt sich um einen absolut vollwertigen PC mit einem 10 Zoll großen Display und einer leistungsfähigen Hardware. Letztere kann problemlos ein Windows-OS-Betriebssystem betreiben und Applikationen ohne Schwierigkeiten bewältigen. Das robuste Gerät haben wir in Zusammenarbeit mit unseren Kunden entwickelt. Es bringt alle Eigenschaften mit, die sich Anwender für den mobilen Feldeinsatz wünschen. Es ist nach Atex Zone 1 und Div1 zertifiziert und erfüllt Schutzklasse IP65 – Staub, Wasserspritzer oder widriges Wetter können ihm nichts anhaben. Mit seinen Erweiterungsmöglichkeiten und Zubehörteilen vom Hart-Add-on-Modul, einer integrierten Scan-Engine über ein speziell an die Nutzerbedürfnisse angepasstes Tragesystem, eine Dockingstation für das Büro und vielem mehr sucht es seinesgleichen. Mit dem Agile X IS sind wir nun der erste Anbieter, der ein durchgängiges System für Industrie, Zone 2/Div2 und Zone 1/Div1 anbieten kann.

Zu Ihrer Frage bezüglich Lücken im Portfolio: Die gibt es immer. Datenbrillen dürften in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Bis sie allerdings mehr nützen als stören, werden noch ein paar Jahre ins Land gehen. Mit einer Kombination aus unserem Smartphone Impact X, das auf dem Unterarm fixiert wird, und unserem Kamerasystem Orbit X als „drittes Auge“ im Feld können wir übrigens schon heute eine „Wearable“-Lösung anbieten.

www.bartec.de

Digital Factory Journal:
Jetzt kostenlos testen

Digital Factory Journal - Jetzt kostenlos bestellen

Mit unserem neuen Fachmedium „Digital Factory Journal“ greifen wir neue Lösungsansätze, Geschäftsmodelle und Anwendungen aus der Praxis auf und berichten darüber mit hoher journalistischer Kompetenz für die Entscheider in der Industrie. Unser redaktioneller Fokus liegt dabei auf Ready-to-Use-Lösungen aus der IT- und Automatisierungswelt.

» Bestellen Sie jetzt Ihr kostenloses Jahresabo!

Top-3-Interviews

Prof. Dr. Uwe Kubach, SAP: M2M im Internet der Dinge - IT trifft Industrie 4.0

Frank Maier, Lenze: Industrie 4.0 seit 70 Jahren

Prof. Dr. Markus Schneider, PuLL Beratung GmbH: Lean Manufacturing im Zeitalter von Industrie 4.0

Aus der Praxis

Wenn Mensch und Roboter in Einklang arbeiten: Die Leichtbauroboter von ABB und Kuka im Einsatz

Die Smartwatch im industriellen Einsatz: Asys, In-Tech und Monkey Works berichten über Lösungen

Digitale Zwillinge optimieren in der virtuellen Welt die Realität: Siemens gibt Einblicke in die Entstehung der Nanobox Simatic IPC227E

Seminare

Von Techniktrends bis zu Management-, Normungs- und Sicherheitsthemen – das aktuelle Seminarprogramm im Überblick:

» Automatisierungstechnik
» Informationstechnik
» Normen und Sicherheit
» Elektrotechnik
» Mess- und Prüftechnik
» Energietechnik
» Organisation/Management/Recht