RAMI 4.0 – Creating Value

Der ZVEI präsentiert auf der Hannover Messe eine ganze Reihe Neuigkeiten. Dazu zählen unter anderem die erste praktische Umsetzung der „Verwaltungsschalenidee“, „Deep Dive RAMI 4.0“ und die Sonderschau Modulare Produktion. Im Interview erläutert Gunther Koschnick, Geschäftsführer des ZVEI-Fachverbands Automation, diese und weitere Themen rund um Industrie 4.0.

 

 

Gunther Koschnick ist Geschäftsführer des ZVEI-Fachverbands Automation (Bild: ZVEI)

Herr Koschnick, die Hannover Messe hat sich in den letzten Jahren quasi zu einer „Industrie 4.0 Leitmesse“ entwickelt. Politik, die Plattform Industrie 4.0, ebenso das Industrial Internet Consortium (IIC) sowie Verbände geben Einblicke in ihre Tätigkeitsfelder und Ergebnisse. Welche Kernbotschaften wird der ZVEI-Führungskreis Industrie 4.0 hier aussenden?

G. Koschnick: Mit dem Open Source Forschungsprojekt open AAS – die Abkürzung „AAS“ steht für den englischen Begriff „Asset Administration Shell“, zu Deutsch „Verwaltungsschale“ – stellt der ZVEI auf der Hannover Messe 2017 ein Novum für die Industrie-4.0-Community vor: Auf dem Stand der Plattform Industrie 4.0 in Halle 8 zeigt der Verband die erste Live-Umsetzung der „Verwaltungsschalenidee“. Nach der Entwicklung des Referenzarchitekturmodells Industrie-4.0-Komponente, das aus Asset und Verwaltungsschale besteht, präsentieren die Automationshersteller damit nun gemeinsam die erste praktische Umsetzung.

Neben diesem wichtigen Meilenstein dreht sich für den Verband auch im Forum Industrie 4.0 alles um die neusten Arbeitsergebnisse rund um Industrie 4.0. Dazu gehören unter anderem „Deep Dive RAMI 4.0“ – tiefer gehende Erläuterungen rund um das Referenzarchitekturmodell Industrie 4.0 (RAMI 4.0) – oder die herstellerunabhängigen Produktkriterien für Industrie 4.0, die Herstellern bei der Produktentwicklung als Richtschnur dienen können.

Wie begleitet der ZVEI das diesjährige Leitthema der Hannover Messe „Integrated Industry – Creating Value“?

G. Koschnick: Die Hannover Messe stellt in diesem Jahr den Nutzen von Industrie 4.0 für die Anwender in den Vordergrund. Im Forum Industrie 4.0 sowie auf den Messeständen und Sonderausstellungsflächen präsentieren die Unternehmen der Elektroindustrie ihre Lösungen.

Eine ganz besondere Neuheit auf der Messe zeigen die Verbände ZVEI, Namur und die Initiative Processnet sowie die zwölf Unternehmen ABB, Emerson, Endress+Hauser, Festo, Hima, Phoenix Contact, R. Stahl, Samson, Siemens, Wago, Yokogawa und Spiratec mit der Sonderschau Modulare Produktion in der Halle 11, D44. Unter dem Motto „Process Industrie 4.0: The Age of Modular Production“ präsentieren sie Ideen und Lösungen für die smarte Chemiefabrik.

Dabei stehen technische Umsetzungsideen für modulare Automation im Mittelpunkt. Anhand verschiedener Exponate, unter anderem einen Container für den Chemikalienprozess in der Lederverarbeitung, zeigen die Verbände und Unternehmen ihre Lösungen, Ideen sowie die Visualisierung des Module Type Package (MTP) für die Modulare Produktion.

Wird es in Hannover Neuigkeiten rund um das Referenzarchitekturmodell (RAMI 4.0) und dessen „Zusammenführung“ mit dem IIRA des IIC geben?

G. Koschnick: Zwischen dem IIC und der Plattform Industrie 4.0 erfolgt zurzeit ein „Mapping“. Das bedeutet, Unterschiede und Gemeinsamkeiten werden identifiziert, um voneinander zu lernen. Erste Ergebnisse werden im Forum Industrie 4.0 in Halle 8 vorgestellt.

Vor eineinhalb Jahren war der ZVEI Mitinitiator des Labs Network Industrie 4.0. Ziel dieser Allianz ist, es unter anderem dem Mittelstand zu ermöglichen, Industrie-4.0- und Digitalisierungslösungen zu erproben. Wie gut wird dieses Angebot angenommen, wie viele Mitglieder hat die Allianz aktuell und was sind die nächsten Schritte?

G. Koschnick: Das Angebot wird mittlerweile sehr gut von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) angenommen. Zahlreiche Anfragen mit unterschiedlicher Zielrichtung von KMU erreichen den Verein täglich, übrigens auch aus dem europäischen Ausland. Der Informationsbedarf bei KMU ist noch immer sehr groß und insbesondere der Bedarf an neutraler Unterstützung hoch. Der Verein hat aktuell 14 Mitglieder und arbeitet deutschlandweit mit 27 Test- und Kompetenzzentren zusammen. Das Labs Network Industrie 4.0 wird zur Hannover Messe 15 Fallbeispiele rund um Industrie-4.0-Anwendungen präsentieren.

Ein wichtiges Thema rund um Industrie 4.0 ist Security. Der ZVEI begleitet auch dieses aktiv mit. Bitte geben Sie einen kurzen Einblick in den aktuellen Entwicklungsstand.

G. Koschnick: Security ist nicht erst seit Industrie 4.0 ein bedeutendes Thema für die Automatisierer. Security fängt bei den unternehmensinternen Prozessen an, und endet in den Produkten und Systemen. Zwar existieren in diesem Bereich bereits Standards, diese sind allerdings sehr komplex.

Der Lenkungskreis „Automation Security“ im ZVEI hat es sich daher gemeinsam mit dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) zur Aufgabe gemacht, den Status Quo bei den Unternehmen der Automationsbranche zu erheben. Die Ergebnisse dieser Betroffenheitsanalyse zeigen, dass Security in den
Unternehmen ganz oben auf der Agenda steht. Erfreulich ist auch, dass sich schon acht Prozent der Unternehmen an der Normenreihe IEC 62443 „Industrielle Kommunikationsnetze – IT-Sicherheit für Netze und Systeme“ orientieren, obwohl sie erst in Teilen verabschiedet ist.

Zur Hannover Messe publiziert der ZVEI einen Leitfaden, der Anwendern und Produzenten von Produkten mit Embedded Soft- und Hardware bei der Anwendung und Umsetzung der umfangreichen Standards unterstützt.

Auf dem ZVEI-Stand in Hannover in Halle 11, Stand E35 können sich Besucher über die Neuigkeiten informieren (Bild: ZVEI)

 

Das Thema Industrie 4.0 wurde 2011 erstmals breit in die Öffentlichkeit getragen. Wie beurteilen Sie den Stand der Umsetzung bis heute, was sind aus Ihrer Sicht die größten Hemmschuhe?

G. Koschnick: Ob mit oder ohne Industrie 4.0, die Digitalisierung – anfänglich getrieben aus dem Consumer-Bereich bzw. vonseiten der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) – verändert unsere Welt in rasantem Tempo. Digitalisierung verändert den alltäglichen Umgang der Menschen mit Medien, aber vor allem auch das Einkaufs- oder Nutzungsverhalten bei Büchern und Musik.

Die Digitalisierung der Industrie hat uns als Branche, aber auch branchenübergreifend, geholfen, stärker zusammen zu wachsen und einen gemeinsamen Weg zu gehen, um die Anforderungen der Industrie an und den Nutzen von Digitalisierung für die Industrie zu formulieren. Nach wenigen Jahren sehen wir bereits in einigen Fabriken erste proprietäre Lösungen. Das hilft uns, den Nutzen durch die stärkere Einbindung von IKT in den Shop Floor zu verstehen und zu bewerten.

Die breite Anwendung von Industrie 4.0 wird kommen, wenn Industrie-4.0-Standards den Anwendern auch ausreichend Investitionssicherheit geben. Dabei sind wir auf einem guten Weg und tauschen uns unternehmens-, branchen- und grenzübergreifend auf internationaler Ebene aus.

Unsere Aufgaben ist es daher auch, über den Tellerrand der Smart Factory zu blicken und unser Know-how über Indus­trie-4.0-Anwendungen und Anforderungen, die sich daraus für Dienste und Produkte aus dem Consumer Bereich ergeben, in diese Bereiche einzubringen. Der ZVEI formuliert aus diesem Grund unter anderem die Anforderungen der Automation an die Wireless Kommunikation, beispielsweise bei 3GPP und ITU.

www.zvei.org

Hannover Messe: Halle 11, Stand E35