Die datentechnische Integration der Wertschöpfungsketten

Die Bedeutung der datentechnischen Integration der Wertschöpfungsketten in der Industrie wird zukünftig enorm zunehmen und zu einer Überlebensvoraussetzung für entwickelnde und produzierende Unternehmen werden. Siemens ermöglicht mit seinem Portfolio an Hard- und Software eine nahtlose datentechnische Verbindung zwischen Entwicklung, Produktion und Lieferanten. Die Redaktion interviewte dazu exklusiv Klaus Helmrich, Mitglied des Vorstands der Siemens AG.

Klaus Helmrich ist Mitglied des Vorstands der Siemens AG (Bild: Siemens AG)

Siemens hat sich wie kaum ein anderes Unternehmen der Digitalisierung verschrieben. Warum setzen Sie konsequent auf dieses Thema?

K. Helmrich: Die Digitalisierung ist das große Thema unserer Zeit. Die digitale Transformation ist nicht nur für die Zukunfts­fähigkeit von einzelnen Unternehmen entscheidend, sondern auch für ganze Volkswirtschaften. Gerade auch für Deutschland. Dabei kommt es insbesondere auf die mittelständischen Unternehmen an, die über 99 % aller Unternehmen in Deutschland stellen und mehr als die Hälfte der Wertschöpfung erwirtschaften.

Die Digitalisierung bietet dabei allen Unternehmen – in der Fertigungs- und Prozessindustrie gleichermaßen – entscheidende Wettbewerbsvorteile. Bitte vergleichen Sie Digitalisierung und Industrie 4.0!

K. Helmrich: Industrie 4.0 bezeichnet im Kern die digitale Transformation der produzierenden Industrie. Dabei geht es um eine ganzheitliche Herangehensweise an dem gesamten Wertschöpfungsprozess. Mit anderen Worten: Die gesamte Wertschöpfungskette vom Produktdesign bis hin zum Service beim Kunden wird digitalisiert und integriert. ­Dafür schaffen wir ein digitales Abbild der realen Welt, den „digitalen Zwilling“.

Seit 2007 haben Sie 10 Mrd. € allein in Unternehmen für Industriesoftware investiert. Welche Lücken gibt es heute noch? Sind weitere Zukäufe vorgesehen?

K. Helmrich: Natürlich entwickeln wir unser Portfolio kontinuierlich weiter – durch eigene Innovationen und auch durch Übernahmen. Als jüngstes Beispiel möchte ich die Übernahme von Mendix nennen, das eines der führenden Unternehmen im Bereich Low-Code-Applikationsentwicklung ist. Dies wird unsere Kunden dabei unterstützen, unser IoT-Betriebssystem Mind­sphere noch schneller einzuführen und die Entwicklung von Apps für das Industrielle Internet der Dinge schneller zu entwickeln.

Vor lauter Digitalisierung könnte sich die Automatisierungstechnik etwas „zurückgesetzt“ fühlen. Muss sich der Bereich der Automatisierungstechnik zukünftig als „Erfüllungsgehilfe“ für digitale Wertschöpfungsketten verstehen?

K. Helmrich: Keinesfalls. Digitalisierung funktioniert nicht ohne Automatisierung. Die Automatisierungstechnik ist und bleibt daher eine strategische Säule für Siemens. Mit der Simatic hat vor 60 Jahren eine industrielle Revolution begonnen. Heute ist sie das Rückgrat in der Fertigung und zugleich die Basis für die nächste Stufe – die digitale Transformation der Industrie. Entscheidend ist, dass Automatisierungstechnik und Software in­einandergreifen. Denn es sind am Ende Gesamtlösungen aus Hard- und Software, die den Mehrwert für den Kunden erzeugen.

Die Öffnung von Mindsphere (Gründung Anwenderorganisation Mindsphere World) war sicher ein schlauer Schachzug. Was ist Ihre Strategie, damit Siemens zu den zwei, drei cloudbasierten IoT-Betriebssystemen gehören wird, die im Industrieumfeld überleben werden?

K. Helmrich: Der Markt für IoT-Lösungen wird sich in den kommenden Jahren bereinigen. Ich bin überzeugt, dass nur eine geringe Anzahl, wahrscheinlich eine Handvoll, übrig bleiben wird und dass Mindsphere dazugehört. Denn ein wichtiger Erfolgsfaktor für den Erfolg von IoT-Lösungen ist deren Offenheit. Und diese bietet Mindsphere von an Anfang wie keine andere Plattform – vom herstellerunabhängigen Anschluss von Geräten und Systemen bis hin zu offenen Programmierschnittstellen für die ­App-Entwicklung. Dadurch entsteht schon jetzt ein schnell wachsendes Ökosystem. Mit dabei sind Start-ups ebenso wie führende mittelständische Maschinenbauer oder Großunternehmen. Der von Ihnen erwähnte Verein Mindsphere World hat dabei das Ziel, dieses Ökosystem weltweit weiter auszubauen. Mittlerweile hat er schon über 50 Mitglieder in zwei Vereinen, in Deutschland und Italien. Und diese Community wird international weiterwachsen.

Ein wichtiges Thema in diesem Zusammenhang bleibt die Cyber Security. Welches Konzept verfolgen Sie hier, um die Akzeptanz von Digitalisierung und Cloud zu steigern?

K. Helmrich: Cyber Security ist für uns ein zentrales Anliegen. Deshalb haben wir gemeinsam mit Partnern aus der Industrie im Februar 2018 die Charter of Trust für Cyber Security vorgestellt. Diese fordert verbindliche Regeln und Standards, um Vertrauen in die Cybersicherheit aufzubauen. Wichtig ist: Sicherheit ist kein einzelnes Feature eines Produkts. Um Industrieanlagen umfassend zu schützen, muss auf allen Ebenen gleichzeitig angesetzt werden – von der Betriebs- bis zur Feldebene, von der Zutrittskontrolle bis zum Kopierschutz. Daher unterstützen wir Kunden mit einem übergreifenden, tiefengestaffelten Schutzkonzept, das wir „Defense-in Depth-Konzept“ nennen.

Wie profitieren auch kleinere Unternehmen von Ihrer Digital Enterprise?

K. Helmrich: Von der Digitalisierung profitieren grundsätzlich alle Unternehmen, unabhängig von ihrer Größe und Branche. So können Unternehmen ihre Flexibilität und Effizienz erhöhen und Produkte schneller und in höherer Qualität auf den Markt bringen. Kunden, die unsere digitalen Lösungen nutzen, können beispielsweise schon heute Produkte, Maschinen und Anlagen in bis zu 30 % kürzerer Zeit entwickeln. Und die Produktions­effizienz und Produktivität kann um bis zu ein Viertel gesteigert werden. Und das bei überschaubaren Kosten. Denn die Investitionen sind überschaubar und können schrittweise angehoben werden, was gerade für kleinere Unternehmen wichtig ist.

Auf der SPS IPC Drives 2018 zeigt Siemens branchenspezifische Anwendungen sowie Zukunftstechnologien für die digitale Transformation der Fertigungs- und Prozessindustrie (Bild: www.siemens.com/presse)

Wie profitieren die anderen Siemens-Bereiche – Energy, Building Technology, Process Industries, … – von Ihren Digitalisierungsstrategien?

K. Helmrich: Für uns bei Siemens gilt „We use what we sell“. Dementsprechend setzen alle unsere Geschäftsbereiche ­unsere Digitalisierungslösungen ein. So haben wir beispielsweise schon Ende 2016 begonnen, Mindsphere unternehmensweit auszurollen. Ziel ist es, Kunden von der Industrie über die Energieversorger bis hin zu Bahnbetreibern ein cloudbasiertes, offenes Betriebssystem für das Internet der Dinge anzubieten. Dies ist nur ein Beispiel von vielen.  

Als nächstes Hype-Thema hat sich die Künstliche Intelligenz angekündigt. Was werden Sie auf diesem Feld bieten?

K. Helmrich: Das Thema Künstliche Intelligenz an sich ist ja gar nicht so neu. Forschungen auf diesem Gebiet gibt es schon seit über 30 Jahren. So haben wir bei Siemens bereits in den 1990er-Jahren neuronale Netzwerke in Stahlwerken installiert. Seither hat diese Tech­­nologie große Fortschritte gemacht, beispielsweise bei der Rechenleistung, der Kommunikationstechnik und der Hardware in unseren Fabrikhallen. Entsprechend arbeiten wir jetzt an indus­trietauglichen Anwendungen von Künstlicher Intelligenz. So lassen sich auf Mindsphere intelligente Datenanalysen unter Einsatz von KI-Lösungen betreiben: Anwender können darauf nicht nur Daten sammeln und sichten, zum Beispiel von einer Maschinenflotte. Sondern Algorithmen geben auch Handlungsempfehlungen, etwa wie man die Maschinen effizienter einsetzen und ihren Betrieb optimieren kann.

Das ist aber nur ein Ausschnitt möglicher Anwendungen von Künstlicher Intelligenz. Hier wird sich das Spektrum in den nächsten Jahren sicher sehr erweitern – übrigens auch in anderen Industrien, etwa der Energie-, Gebäude- oder Verkehrs­technik, zum Beispiel beim autonomen Fahren oder beim Einsatz lernender Systeme für eine effizientere, schadstoffärmere ­Energieerzeugung.

Der Spruch eines Zukunftsforschers lautete zum Thema KI: Wozu braucht die Maschine noch den Menschen? Wie schätzen Sie die Möglichkeiten von KI in industriellen Anwendungen ein?

K. Helmrich: Der Mensch wird nach wie vor im Mittelpunkt ­stehen. Künstliche Intelligenz kann die Arbeit der Menschen weniger fehleranfällig machen und mehr Freiraum für kreative Aufgaben schaffen. Aber sie wird den Menschen nicht ersetzen. Denn was den Menschen vor der Maschine auszeichnet, ist die Flexibilität in der Problemlösung. Darin wird in absehbarer Zeit keine Maschine den Menschen einholen. Mit anderen Worten: Künstliche Intelligenz ist keine Bedrohung oder vernichtet gar Arbeitsplätze. Sondern sie ist eine Technologie, die uns ermöglicht, speziell im B2B-Bereich weiterhin erfolgreich zu sein und so den Wirtschaftsstandort Deutschland zu stärken.

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SPS IPC Drives 2018: Halle 11